Evgeny Gaevoy, Gründer und CEO des Handelsunternehmens Wintermute, stellt die aktuelle Ausrichtung der Kryptowährungsbranche infrage. Im Crypto Playbook Podcast von Fortune erklärt er, dass die Industrie ihre Cypherpunk-Wurzeln aus den Augen verliere und sich zu sehr von der Vorstellung leiten lasse, dass Preise nur steigen müssten. Seiner Ansicht nach verschiebt sich der Fokus von Dezentralisierung hin zur Integration mit der Wall Street, obwohl ursprünglich ein alternatives Finanzsystem das Ziel war.
Ethereum ist erhältlich bei Bitvavo und Bybit.
Von libertärer Vision zu „Number Go Up“
Im Interview mit Fortune erklärt Gaevoy, dass die Kryptowährungsbranche derzeit von Rückenwind profitiere, etwa durch eine pro-Blockchain-Haltung der US-Regierung und das wachsende Interesse traditioneller Finanzinstitute. Dennoch sieht er ein grundlegendes Problem: Der Sektor konzentriere sich vor allem auf Kurssteigerungen statt auf technologische und gesellschaftliche Innovation.
Bitcoin entstand als libertäre Technologie mit dem Ziel, ein unabhängiges monetäres System außerhalb der Kontrolle von Regierungen und Banken zu schaffen. Laut Gaevoy tritt dieses Ideal zunehmend in den Hintergrund. Die aktuelle Dynamik sei vor allem von Spekulation und kurzfristigen Gewinnen geprägt.
Stablecoins stärken gerade den US-Dollar
Ein zentraler Kritikpunkt betrifft Stablecoins. Obwohl sich diese Token in den vergangenen Jahren zu einer der meistgenutzten Anwendungen innerhalb der Kryptowährungsbranche entwickelt haben, sieht Gaevoy darin ein Paradox. Stablecoins, die häufig an den US-Dollar gekoppelt sind, stärken seiner Ansicht nach gerade die globale Dominanz dieser Währung.
Statt ein paralleles Finanzsystem aufzubauen, verbreite die Branche den Dollar über Blockchain-Infrastruktur in der ganzen Welt. Das stehe im Widerspruch zur ursprünglichen Idee, eine Alternative zu bestehenden Machtstrukturen zu schaffen.
Begrenzte Adoption realer Anwendungen
Auch die Adoption dezentraler Anwendungen bleibt laut Gaevoy hinter den Erwartungen zurück. Ethereum weist gemäß Daten von CoinMarketCap mehr als 120 Milliarden US-Dollar an Total Value Locked auf, doch er bezeichnet einen Großteil davon als gebundenes Kapital. Das Geld zirkuliere innerhalb des Ökosystems, ohne einen wesentlichen Teil der breiteren Wirtschaft zu erreichen.
Pilotprojekte, bei denen Anleihen oder andere Finanzprodukte auf Blockchains ausgegeben werden, seien im Vergleich zur Größe traditioneller Finanzmärkte weiterhin marginal. Die Debatte darüber, welche Blockchain besser sei – etwa Solana oder Ethereum – verfehle laut Gaevoy die Kernfrage: Wo bleibt die echte, großskalige Adoption?
Dennoch setzt Wintermute auf Kooperationen mit sowohl zentralisierten als auch dezentralen Plattformen. Gaevoy erwartet, dass das Pendel letztlich zurückschwingen wird. Wenn der Markt erkenne, dass Blockchain mehr biete als Memecoins und Spekulation, könne die Cypherpunk-Vision seiner Ansicht nach wieder an Bedeutung gewinnen.
